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September, 2009:

Wenn Produkte wahre Bedürfnisse abdecken, haben wir echte Lebensqualität.

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Interview mit Peter Parwan über LOHAS,
wahre Bedürfnisse und die Märkte der Zukunft.

lohasEine Vision im Alltag persönlich zu leben und umzusetzen, betrifft auch das Thema Nachhal- tigkeit und wahre Bedürfnisse. Peter Parwan ist hier ein Vorreiter und Multiplikator für neues Denken und Tun. Jörg Poedtke erfuhr von ihm spannende Antworten rund um das Thema LOHAS.

Hier Möglichkeit für Download des LOHAS-Interviews

LOHAS erlangt immer mehr an Bedeutung, auch in der öffentlichen Wahrnehmung. Was bedeutet LOHAS für dich – als jemand, der in dem Thema stark mitmischt?

Die Bezeichnung LOHAS ist für mich einfach ein Oberbegriff, um damit eine für mich sehr spannende Thematik zu beleuchten. LOHAS ist die Abkürzung für „Lifestyle of Health and Sustainibility“, in deutsch Lebensstil auf Basis von Gesundheit und Nachhaltigkeit. Auslöser für mein Interesse war 2003 die sehr ausgedehnte Studie von Paul Ray, der eine Gruppe von Menschen identifiziert hat, die einen inneren Wertewandel vollziehen.

Dieser innere Wertewandel war eine Art Anstoß für mich: die in der Studie zitierten Menschen vollziehen unabhängig voneinander einen ähnlichen inneren Wandel. Dieser Wandel bedeutet für mich Bewusstseinswandel, umfassend und sehr breit zu verstehen. Also ist Bewusstseinswandel alles das, was Menschsein ausmacht. Dieses Menschsein findet seinen Ausdruck in der Außenwelt, damit eben auch in Wirtschaft und Konsum. Hier wird LOHAS ja hauptsächlich angesiedelt. Ich hab‘ das für mich adaptiert, d.h. ich hab‘ gesehen, dass in der westlichen Welt unser Alltagsbewusstsein in Wirtschaft und Konsum am meisten verhaftet ist. Allerdings sehe ich dies für mich selbst mehr ganzheitlich, also die gesamte Thematik Gesundheit und Nachhaltigkeit ist für mich in allen Lebensbereichen fundamental und nicht nur für Wirtschaft und Konsum.

Persönlich nachgefragt: Wieso zieht dich gerade das Thema LOHAS an? Was ist deine persönliche, innere Triebfeder, dich damit zu beschäftigen?

In meiner Biografie war ich von Jugend an immer auf der Suche nach dem Gespür dafür, dass die äußere Welt nicht wirklich fix ist und dass dort eine Entwicklung stattfindet, die etwas mit Zufriedenheit oder Lebensqualität zu tun hat. Das war so die Suche nach einer Ganzheit, die mir mein ganzes Leben immer nah war.
Die Triebfeder war: neue Wege finden, die eine Perspektive haben und vom Mainstream weg gehen… und da hab‘ ich immer wieder Fragmente zusammen gesucht, die meinen Horizont erweitert haben.

Gibt es in dieser Triebfeder so etwas wie eine Vision zu LOHAS?

Sicherlich, das Thema LOHAS hat eine Handschrift, die aus meiner persönlichen Sichtweise resultiert. Das bedeutet, ich wollte aus diesem persönlichen Interesse heraus ein Portal zu LOHAS aufbauen. 2006 ist das Portal LOHAS.de online gegangen. Die dahinter liegende Vision bezog sich stets darauf, ein Abbild für den Input zu schaffen, den ich weltweit zu dem Thema recherchiert habe.
Ich wollte zeigen: die Dinge, die ich LOHAS zuordne, ergeben ein Gesamtbild, das mag fragmentarisch oder lückenhaft sein, aber jeder, der über den Horizont hinausschaut, spürt, wie die zusammengetragenen Informationen das größere Bild erahnen lassen.

Was würde entstehen, wenn diese Vision lebt?

Die Vision ist für mich immer nur die Bezeichnung für ein Idealbild oder Wunschbild. Vision heißt für mich nicht genau zu wissen, wie die Welt in Zukunft aussieht, sondern die Fragmente zu einer gewissen Sehnsucht an einer Welt festzumachen, die ausgewogener ist. Dieses Ausgewogene berücksichtigt sowohl das Menschliche als auch die Natur und entwickelt sich in ganzheitlicher Sichtweise harmonisch weiter.
Viele Leute spüren tief in sich: wir sind in der westlichen Welt in ein totales Ungleichgewicht hinein gerutscht; diese Unausgewogenheit ist global und so wie bisher kann es nicht weitergehen… dafür erkennen wir alle Parameter am Horizont.
Genau diese Entwicklungen haben uns an eine Grenze geführt. Die tiefe Wahrnehmung dessen, was Menschsein bedeutet ist neu zu definieren. Das hat damit zu tun, wieder mit Natur und Menschsein in Einklang zu kommen.

Wenn es darum geht, wieder mehr ins Gleichgewicht zu kommen und LOHAS hierzu etwas beiträgt: Was bedeutet es, die wahren Bedürfnisse von Menschen für die Märkte der Zukunft zu kennen und zu beachten?

In unserer Außenwelt ist ganz klar zu identifizieren: Krisen und ihre Fehler, die da rauf gezogen sind, reparieren Menschen, die diese Systeme aufgebaut haben. Ich meine damit insbesondere die Eliten in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, die für bestimmte Ideen stehen. Konkret sind für mich diese Krisen alle aus der Idee der Gewinnmaximierung heraus entstanden. Alles wurde optimiert, um den Gewinn zu maximieren, Industrien aufzubauen, Märkte zu gewinnen und zu optimieren. Das ist zu einseitig angelegt.

Diese Einseitigkeit mündet in eine bestimmten Sichtweise, also in einem gewissen Bewusstseinslevel, der das Handeln bestimmt. Die Intelligenz steckt nämlich nicht nur im Kopf, sondern genau so gut im Herzen, im Bauch usw. Diese Anteile besitzen bisher zu wenig Gewicht. Deswegen sehe ich die Ursachen für unsere Probleme viel tiefer liegen als dort, wo wir momentan suchen und wo die Systeme repariert werden sollen. Es ist zu kurz gesprungen, wenn wir etwas reparieren und dies keine tragfähige Lösung beinhaltet.
Deshalb wünsche ich mir in dieser Hinsicht eine Transformation der Gesellschaft. Die Ursachen für die Probleme und damit für die Lösungen liegen in den Menschen und nicht in den Systemen, die äußerlich betrachtet werden. Zum Beispiel baut das gesamte Finanzwesen auf der Maschine Gewinnmaximierung auf und alles andere wurde dem untergeordnet. Das zentrale Thema für die Zukunft ist, den Menschen wieder in den Mittelpunkt zu rücken, was macht den Menschen aus, was sind seine Bedürfnisse.

Die wahren Bedürfnisse sind nämlich die, die tiefer liegen als das, was uns unser Konsumbereich zeigt. Unsere wahren Bedürfnisse haben mit Fragen zu tun wie: was ist Gesundheit für mich, was ist Lebensqualität für mich? Was brauche ich wirklich, was brauche ich nicht, worauf kann ich verzichten? Oder worauf möchte ich sogar verzichten, weil es mich davon abhält, das zu genießen, was mich wirklich ausmacht? Um diese Fragen geht es und hierauf reduziert sich letztendlich die Neuentwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft.

Eine Idee oder Vision ist ja nur so gut, wie sie sich umsetzt. Kannst du das, was du gerade gesagt hast, an einem Beispiel konkretisieren?

Transformation der Gesellschaft sehen wir beispielsweise im Konsumverhalten. Jahrzehntelang haben Marketing und Werbung etwas fokussiert, indem sie Dinge versprochen haben, die einfach übertrieben waren. Es wurde gesagt: „Die Menschen sind mündige Bürger, sie können selber entscheiden und müssen die Verantwortung haben.“ Dies hat aber offensichtlich nicht funktioniert.

Schlussendlich wurden wir über vierzig Jahre bombardiert und so sind im Konsumverhalten bestimmte Strukturen entstanden, die nicht einfach repariert werden können. Wir haben eine gewisse einseitige, oberflächliche Lebensweise entwickelt, die neu zu ordnen, neu aufzubauen ist. Auf diesem Weg sollten wir mehr als bisher nach Innen gehen.

Wahre Bedürfnisse zu erkennen, ist momentan ein schwieriger Weg glaube ich, weil wir den Bezug zu uns selbst verloren haben, eben nicht nach Innen gehen. Den Bezug zu uns selber wieder herzustellen funktioniert nicht im Feld der Information. Deshalb meine ich, wir brauchen Erfahrungsmittel, also nicht mit Informationen Erkenntnisse gewinnen, sondern in erster Linie durch Erfahrungen, die dann durch Informationen erweitert werden.

Die evolutionäre Bewusstseinsentwicklung, die in den letzten Jahrzehnten parallel zu dieser angesprochenen Einseitigkeit entstanden ist, macht für mich eben so etwas wie LOHAS aus. Genau genommen ist in den letzten dreißig, vierzig Jahren immer wieder eine Art Subkultur aufgetaucht. Sie hat für mich ihren Ursprung in der Evolution. Dieses evolutionäre Bewusstsein hat sich aufgrund von Einseitigkeit in der Natur entwickelt. Hierbei gehe ich von einer höheren Intelligenz in der Natur wie auch im Menschsein aus, die sich immer mal zeigt.

Es geht darum, diese Intelligenz in den Vordergrund zu stellen und sich mit ihr rück-zu-verbinden. Denn diese Intelligenz ist unsere eigentliche Quelle für unser Menschsein. Mit diesem erneuten Verbinden sind wir mit unseren wahren Bedürfnissen wieder in Kontakt. So haben wir – und das ist letztendlich auch meine Vision – automatisch wieder Bezug zu der Natur… und spüren intuitiv einfach, welche Entscheidungen, welche Dinge, die wir tun, in Wirtschaft und Industrie auch für die Natur von Nutzen sind. Ausgewogenheit entsteht, indem wir den natürlichen Zugang zu diesem intuitivem Wissen nutzen. Dies steht natürlich heute, in dieser stark einseitigen Geräteentwicklung und materialistischen Denkweise und den damit verbundenen Entwicklungen stark entgegen.

Was sind aus deiner Sicht die notwendigen Schritte, damit diese Veränderung und somit LOHAS breitere Bevölkerungsschichten erreicht?

Lass uns das Kind beim Namen nennen: LOHAS ist eine Name, der geeignet ist, um das Thema in die Breite zu bringen. Es war von Anfang an mein Bestreben größere Kreise zu erreichen. Der Mainstream ist in diesem von Außen nach Innen gehen betroffen. Die oberste Ebene dieser Bewegung betrifft den Konsum, hier gibt es bereits den bewussten Konsum… und das ist auch die Ebene, die ich forciere. Denn mit Bewusstsein hat das alles zu tun. Wir setzen also auf der materiellen Ebene an, der materialistischen Sichtweise und dann geht es Schritt für Schritt tiefer.

Um das in die Breite zu bekommen, was ja für alle eigentlich Sinn und Zweck der Aufgabe ist, müssen wir mit den Eliten an einem Strang ziehen. Also die drei Krisenbereiche, die ich immer wieder nenne: Klimakrise und Finanzkrise, die noch nicht ausgestanden ist. Hinzu kommt eine Ressourcenkrise, die nicht nur mit Bodenschätzen zu tun hat, sondern auch sehr stark mit der Ernährung, was der breiteren Bevölkerung noch unbekannt ist. Es gibt z.B. eine Wasserknappheit in vielen Ländern der Welt. Diese Krise verschärft sich und angesichts dieser Szenarien müssen wir mit den Eliten eben an einem Strang ziehen, wobei die Eliten aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft erkennen dürfen: wir sollten weniger an den Symptomen arbeiten, sondern mehr tiefer gehen. Die gesellschaftliche Transformation, das meint das in die Tiefe gehen, ist in einer gewissen Eile nur möglich, wenn wir die Wege zu den wahren Bedürfnissen erkennen und hierfür Maßnahmen etablieren.

Und wo siehst du deine Rolle in diesem Spiel?

Meine persönliche Rolle sehe ich hauptsächlich darin, immer wieder darauf hinzuweisen: die inneren Prozesse stellen die Quelle aller Lösungen dar, die Quelle aller Lösungen liegt im Menschen und seinen Innenwelten. Von da aus geht es nach Außen. Hierzu gehören Hinweise, wie Bewusstseinsentwicklung entstehen kann, wie man sie forcieren und in die Breite bringen kann. So ist die Subkultur der letzten Jahrzehnte bereits heute teilweise im Mainstream vorhanden. Sie hat keine großen Wellen geschlagen, aber sehr wichtige Grundlagen geschaffen. Und die gilt es zu erweitern.

So werde ich das LOHAS-Portal als Plattform und Drehscheibe für Informationen weiter ausbauen und Wirtschaft und Konsum um Bereiche erweitern, die mit den Innenwelten zu tun haben. Stichworte sind da: Coaching, bewusstes Leben, Beratung und Hinweise wie Wirtschaft sich entwickeln kann, um den Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden. Menschen sollen erkennen: werthaltige Produkte gibt es tatsächlich und weitere sind in der Entwicklung. Denn die große Masse der Bevölkerung hat auf einer kreativen Ebene das Vertrauen in die Eliten verloren.

Es geht also um Wahrheit, Authentizität, das Hinterfragen bisheriger Systeme und neue Formen der Zusammenarbeit. Ich lade die hier bereits vielen aktiven Akteure wie z.B. Social Entrepreneure ein, näher zusammenzurücken und die Netzwerke zu verstärken. Ich wünsche mir einen konstruktiven Austausch, der den Zusammenhalt und zugleich Eigenständigkeit, Individualität und Wertschöpfung fördert. LOHAS.de ist eine Plattform, auf der sich dies dann zeigt.

Wenn Produkte wahre Bedürfnisse abdecken, für das, was ich tue, für die anderen und für die Natur, dann haben wir echte Lebensqualität. Hierfür verstehe ich mich als Katalysator.

Vielen Dank für dieses Interview.

Bei Interesse erreichen Sie Peter Parwan über www.lohas.de oder info(at)lohas.de